Das unsichtbare Netzwerk: Mykorrhiza-Pilze im Bonsai-Substrat

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Wer einen Bonsai pflegt, blickt meistens nach oben. Auf den perfekt geschwungenen Stamm, die feine Verzweigung der Krone, das saftige Grün der Nadeln oder das filigrane Farbspiel der Blätter im Herbst. Es ist ein faszinierendes Bild, das die ganze Aufmerksamkeit fesselt. Doch die wahre Magie eines gesunden Baumes spielt sich dort ab, wo wir sie auf den ersten Blick gar nicht sehen können: tief im Inneren der Bonsaischale, verborgen zwischen Körnchen aus Ton und Bims.

Hast Du Dich schon einmal gefragt, warum manche Bonsais trotz bester Pflege, teurem Spezialdünger und millimetergenauem Gießen einfach nicht vital werden wollen? Warum sie über Jahre hinweg schwächeln, anfällig für jede vorbeiziehende Krankheit sind oder im Wachstum komplett stagnieren? Oft liegt die Antwort in einem fundamentalen Missverständnis über Sauberkeit, Hygiene und Sterilität im Bonsai-Substrat. Ein absolut keimfreies Substrat ist nämlich kein optimaler Lebensraum für Gehölze, sondern in vielen Fällen der direkte Weg zu einem kranken, schwachen Baum.

Bonsaikultur bedeutet nicht, einen Baum in einer sterilen Isolationszelle zu halten, um ihn vor der Außenwelt zu schützen. Sie bedeutet vielmehr, ein funktionierendes, lebendiges Mini-Ökosystem auf engstem Raum zu erschaffen und zu erhalten. Und das wichtigste, oft übersehene Puzzleteil in diesem komplexen System ist ein unsichtbares, unterirdisches Netzwerk aus spezialisierten Pilzen: die Mykorrhiza. Ohne sie bleibt jeder Gestaltungsversuch an der Oberfläche nur Stückwerk.

Das Missverständnis der absoluten Reinheit

Moderne Bonsai-Werkstätten und Arbeitsplätze wirken oft klinisch rein. Fein säuberlich nach Korngröße gesiebtes Akadama, thermisch behandeltes Bims- und Lavagranulat, penibel mit Bürste und Desinfektionsmittel geschrubbte Schalen. Es ist vollkommen verständlich, woher dieser Drang kommt: Niemand möchte sich freiwillig schädliche Insektenlarven, Wurzelfäule erregende Bakterien oder aggressive Schimmelpilze in die wertvolle Sammlung holen. Doch bei dieser ambitionierten Jagd nach maximaler Hygiene schießt man im Alltag leicht über das Ziel hinaus.

Wenn Substrate vor der Verwendung extrem stark erhitzt, gedämpft oder gar intensiv mit chemischen Fungiziden therapiert werden, sterben keineswegs nur die gefürchteten Krankheitserreger ab. Es stirbt das gesamte biologische Bodenleben. Was nach dieser Prozedur in der Schale übrig bleibt, ist eine leblose, biologische Wüste. In einer solchen Wüste fehlt den frisch geschnittenen Wurzeln nach dem Umtopfen jede natürliche Unterstützung.

Ein steriles Substrat ist paradoxerweise extrem anfällig für neue Infektionen. Wenn ein schädlicher Pilz, eine Spore oder ein pathogenes Bakterium über den Wind oder das Gießwasser den Weg in eine solche keimfreie Schale findet, kann er sich dort oft explosionsartig und völlig ungehindert ausbreiten. Warum ist das so? Weil es schlicht keine natürliche Konkurrenz gibt. Im gesunden Boden besetzen nützliche Mikroorganismen, Bakterien und Pilze jeden Millimeter des verfügbaren Raumes und halten Eindringlinge durch pure Präsenz und die Abgabe von Abwehrstoffen in Schach. Fehlen diese mikroskopischen Beschützer, haben Schadpilze leichtes Spiel. Das traurige Ergebnis sind kränkelnde Bäume, die trotz bester Absichten und maximaler Pflegeaufwendung schwach werden.

Was ist Mykorrhiza überhaupt?

Der Begriff Mykorrhiza stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Wörtern „mykes“ (Pilz) und „rhiza“ (Wurzel) zusammen – es bedeutet übersetzt also schlicht „Pilzwurzel“. Es handelt sich hierbei keineswegs um eine Erkrankung oder einen Schmarotzer, sondern um eine der ältesten, erfolgreichsten und faszinierendsten Symbiosen der gesamten Erdgeschichte. Seit weit über 400 Millionen Jahren arbeiten Pflanzen und Pilze Hand in Hand. Die Evolutionsbiologie geht heute sogar davon aus, dass Urzeit-Pflanzen den evolutionären Sprung aus dem Wasser auf das kahle Festland ohne die Hilfe dieser Pilzpartner überhaupt nicht geschafft hätten, da sie noch keine echten, effizienten Wurzelsysteme besaßen.

In der Botanik unterscheidet man im Wesentlichen zwei große Formen dieser Lebensgemeinschaft:

  1. Die Endomykorrhiza: Bei dieser Variante dringen die feinen Pilzfäden (die sogenannten Hyphen) direkt in die Zellen der Pflanzenwurzel ein und bilden dort winzige Verzweigungen. Diese Form betrifft den Großteil aller weltweit existierenden Pflanzen, darunter auch die allermeisten unserer Laubgehölze im Bonsaibereich wie Ahorne, Ulmen, Hainbuchen oder Azaleen. Man sieht sie mit bloßem Auge fast nie, da sie sich komplett im Inneren abspielt.
  2. Die Ektomykorrhiza: Hier bildet der Pilz einen dichten, schützenden Mantel um die feinen Wurzelspitzen des Baumes herum. Die Pilzfäden wachsen zwar in die Zwischenräume der äußeren Wurzelrinde hinein (das sogenannte Hartigsche Netz), dringen jedoch niemals in das Innere der lebenden Pflanzenzellen ein. Genau das ist die Form, die wir bei unseren Nadelbäumen finden. Und das Beste daran: Man kann sie beim Umtopfen wunderbar sehen und riechen.

Dieses unterirdische Geflecht, das sogenannte Mycel, ist in seiner Dimension gigantisch. Die einzelnen Pilzfäden sind um ein Vielfaches feiner als die feinsten Haarwurzeln, die ein Bonsai jemals ausbilden könnte. Dadurch sind sie in der Lage, die Gesamtoberfläche des Wurzelsystems im Substrat um das Hundert- bis sogar Tausendfache zu vergrößern. Der Pilz dringt in mikroskopisch kleine Winkel, Poren und Gesteinsspalten des Granulats vor, die für die vergleichsweise dicken Wurzeln des Baumes physisch absolut unerreichbar wären.

Ein genialer Tauschhandel auf biochemischer Ebene

Wie genau funktioniert diese Partnerschaft im Alltag der Bonsaischale? Man kann sich das System wie einen hocheffizienten, absolut fairen biochemischen Marktplatz vorstellen. Ein Bonsai produziert durch die Photosynthese in seinen Nadeln oder Blättern mithilfe von Sonnenlicht wertvolle Kohlenhydrate – einfachen und komplexen Zucker. Einen beachtlichen Teil dieser mühsam produzierten Energie (bei manchen Bäumen bis zu ein Drittel der gesamten Tagesproduktion) leitet der Baum ganz bewusst nach unten in die Wurzeln und schüttet sie dort aus, um den Pilz gezielt zu füttern. Da Pilze kein Chlorophyll besitzen, können sie selbst keine Photosynthese betreiben und sind auf diese externe Kohlenhydratquelle zwingend angewiesen, um zu überleben und zu wachsen.

Im Gegenzug für die süße Energielieferung revanchiert sich der Pilz als Logistikmeister und Leibwächter. Er liefert dem Bonsai kontinuierlich Ressourcen, an die der Baum allein niemals herankommen würde:

  • Optimierte Wasserversorgung: Die haardünnen Hyphen saugen Restfeuchtigkeit aus den winzigsten Mikroporen des Akadamas oder Bimssteins auf, selbst dann noch, wenn das Substrat für das menschliche Auge bereits komplett ausgetrocknet erscheint. Das erhöht die Toleranz des Baumes gegenüber kurzzeitigen Pflegefehlern oder extrem heißen Sommertagen drastisch.
  • Mobilisierung von Nährstoffen: Viele essenzielle Elemente im Boden liegen in chemisch gebundener, blockierter Form vor. Das gilt besonders für Phosphor, aber auch für Stickstoffverbindungen und wichtige Spurenelemente. Die Mykorrhiza-Pilze scheiden gezielt organische Säuren und Enzyme aus, die diese festen Verbindungen im Substratgranulat knacken und auflösen. Anschließend transportieren sie die freigesetzten Nährstoffe wie auf einer unterirdischen Autobahn direkt in das Gewebe der Baumwurzel. Organische Bonsaidünger wie Biogold oder Hanagokoro entfalten durch diese mikrobielle Kette erst ihre volle, sanfte Wirkung.
  • Effektiver Schutzschild gegen Krankheiten: Da der Pilzmantel die feinen Wurzelspitzen lückenlos umschließt, fungiert er als physische Barriere. Schadpilze, die Wurzelfäule auslösen (wie Phytophthora oder Pythium), finden schlicht keinen freien Platz zum Andocken. Zudem produziert eine vitale Mykorrhiza natürliche antibiotische Abwehrstoffe, die schädliche Bakterien und räuberische Nematoden im direkten Umfeld der Wurzel effektiv abtöten oder vertreiben.

Es handelt sich also um eine perfekte, evolutionär feingetunte Win-Win-Situation. Geht es dem Pilz im Substrat gut, ist der Bonsai optimal versorgt und geschützt.

Warum besonders Kiefern und Lärchen den Pilz zum Überleben brauchen

Wer schon einmal eine gesunde Mädchenkiefer (Pinus parviflora), eine vitale Schwarzkiefer (Pinus thunbergii) oder eine kräftige Europäische Lärche (Larix decidua) aus ihrer Schale genommen hat, kennt den typischen Moment des Staunens. Beim Lösen des kompakten Wurzelballens strömt einem sofort ein intensiver, angenehmer Duft nach frischem Waldboden und Edelpilzen entgegen. Und zwischen den Wurzeln kommt oft ein dichtiges, weißes, watteartiges Geflecht zum Vorschein, das die Substratkrümel wie ein feines Netz zusammenhält.

Viele Anfänger erschrecken in diesem Moment zutiefst und denken sofort an gefährlichen Schimmel, Wurzelfäule oder einen Pflegefehler. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall: Dieses weiße Geflecht ist das Mycel der Ektomykorrhiza. Es ist das ultimative Qualitätszertifikat für ein gesundes Wurzelmilieu.

Gerade Kiefern und Lärchen sind in der freien Natur extreme Spezialisten. Sie besiedeln seit Jahrmillionen karge, windgepeitschte Felsstrukturen, nährstoffarme Bergregionen oder extrem durchlässige Sandböden. Um unter diesen widrigen Bedingungen überhaupt eine Überlebenschance zu haben, haben sich diese Nadelbäume im Laufe der Evolution in eine tiefgreifende, fast schon bedingungslose Abhängigkeit von ihren Pilzpartnern begeben. Ihre eigenen, echten Feinwurzeln sind im direkten Vergleich zu Laubbäumen erstaunlich dick, plump, starr und nur spärlich verzweigt. Ohne ihr schützendes und versorgendes Pilznetzwerk im Boden verhungern und verdursten sie regelrecht – und das selbst dann, wenn sie in einer Schale stehen, die regelmäßig mit bestem Dünger versorgt wird.

Wenn Du eine gesunde Kiefer beim Umtopfen aus falsch verstandenem Hygienewahn vollständig von ihrer alten Erde befreist, den Wurzelballen radikal mit dem harten Strahl des Gartenschlauchs auswäschst und das weiße Geflecht restlos entfernst, versetzt Du dem Baum einen traumatischen Schock. Von einem solchen Kahlschlag erholen sich Nadelbäume oft jahrelang nicht mehr. Im schlimmsten Fall sterben sie innerhalb weniger Monate schleichend ab. Das Nadelkleid verliert seinen Glanz, wird fahl und gelblich, die lebenswichtige Knospenbildung im Spätsommer bleibt komplett aus. Der Baum verhungert buchstäblich vor einem prall gefüllten Futternapf, weil man ihm die biologischen Werkzeuge zur Nahrungsaufnahme genommen hat.

Wie man nützliche Pilzkulturen gezielt anlockt und ansiedelt

Wie schafft man es nun konkret, dieses unsichtbare, lebensrettende Netzwerk in die eigenen Bonsaischalen zu holen und dort dauerhaft zu etablieren? Glücklicherweise gibt es in der modernen Bonsaipraxis verschiedene Wege, die sich über Jahrzehnte hinweg bewährt haben und die man ohne großen Laboraufwand umsetzen kann.

1. Das klassische „Impfprinzip“ beim Umtopfen

Die einfachste, kostengünstigste und zugleich erfolgreichste Methode nutzt die Ressourcen, die uns die Natur bereits schenkt. Wenn Du in Deiner Sammlung einen gesunden Nadelbaum hast, der beim Umtopfen ein prachtvolles, weißes und gut duftendes Mykorrhiza-Geflecht in der Schale zeigt, solltest Du dieses alte Substrat wie einen wertvollen Schatz behandeln. Wirf es auf keinen Fall komplett auf den Kompost.

Sammle während des Wurzelschnitts ein bis zwei Handvoll dieses alten, pilzdurchsetzten Granulats separat in einer kleinen Schale. Siebe es ganz leicht mit einem groben Sieb durch, um extrem feine Schlämmpartikel und abgestorbene, braune Wurzelreste zu entfernen. Wenn Du nun das frische Substrat (beispielsweise eine klassische Mischung aus Akadama, Bims und Lava) für den umgetopften Baum anmischst, gibst Du dieses alte, lebendige Material einfach als „Impfung“ wieder mit hinzu. Du kannst diese gehaltvolle Mischung auch wunderbar nutzen, um andere Kiefern oder Lärchen in Deiner Sammlung, die aktuell etwas schwächeln oder frisch aus einer Baumschule importiert wurden, beim Umtopfen gezielt mit den passenden Pilzkulturen zu infizieren. Der etablierte Pilz erkennt die neuen Wurzeln sofort und breitet sich im frischen Substrat rasend schnell wieder aus.

2. Der Einsatz von Mykorrhiza-Präparaten aus dem Fachhandel

Wer keinen gesunden Spenderbaum zur Hand hat oder eine komplett neue Sammlung aufbaut, kann auf moderne Biotechnologie zurückgreifen. Im gut sortierten Bonsai-Fachhandel oder im spezialisierten Gartenbau gibt es heute hervorragende, hochkonzentrierte Pilzsporen-Präparate in Pulver-, Granulat- oder Tablettenform zu kaufen.

Achte beim Kauf jedoch penibel auf die inneren Werte des Produkts: Es muss explizit ausgewiesen sein, dass das Präparat vitale Sporen der Ektomykorrhiza für Nadelbäume (Koniferen) enthält. Viele billige Universalprodukte aus dem Baumarkt, die für Rasenflächen, Rosen oder Gemüsebeete konzipiert wurden, enthalten ausschließlich Sporen der Endomykorrhiza. Diese Investition kannst Du Dir sparen, denn sie nützt einer Kiefer oder Lärche absolut gar nichts. Die Pilze sind wirtsspezifisch – der falsche Partner wird von den Wurzeln der Nadelbäume schlicht ignoriert.

Die Anwendung in der Praxis ist denkbar unkompliziert: Beim Umtopfen, direkt nach dem Wurzelschnitt, wird das feine Pulver oder Granulat direkt auf den noch feuchten, ungeschützten Wurzelballen gestreut. Konzentriere Dich dabei besonders auf die äußeren Bereiche, an denen die neuen Wurzelspitzen entstehen werden. Danach setzt Du den Baum wie gewohnt in seine Schale und füllst die Zwischenräume mit dem normalen Substrat auff. Alternativ kannst Du das Pulver auch direkt beim Anmischen der Erdmischung gleichmäßig unterheben. Das entscheidende Kriterium für den Erfolg ist immer der direkte, physische Kontakt: Die mikroskopisch kleinen Sporen müssen die Wurzelrinde berühren, um durch die Zuckerausscheidungen des Baumes geweckt zu werden und zu keimen.

3. Der vorsichtige Weg über den Waldspaziergang

Eine traditionelle Methode, die besonders von älteren Bonsaimeistern in Japan und Europa angewendet wurde, führt direkt in den Wald. Man sucht sich einen gesunden, vitalen Altbestand der jeweiligen Baumart – für eine Kiefer also einen lichten Kiefernwald, für eine Lärche eine entsprechende Baumgruppe. Dort kratzt man vorsichtig die oberste, noch unzersetzte Nadelstreu beiseite und entnimmt eine kleine menge der darunter liegenden, von weißem Pilzschleier durchzogenen Humusschicht.

Diese Methode ist hochgradig romantisch und bringt garantiert die exakt passenden, einheimischen Pilzstämme mit sich. Sie birgt im Bonsai-Alltag allerdings ein nicht zu unterschätzendes Risiko: Zusammen mit der Walderde holst Du Dir unweigerlich auch eine Vielzahl ungebetener Gäste in die heimische Bonsai-Sammlung. Das Spektrum reicht von Unkrautsamen und Moossporen über Trauermückenlarven und Engerlinge bis hin zu schädlichen Nematoden oder echten Krankheitserregern. Wer diesen Weg wählt, sollte die entnommene Erde extrem genau inspizieren. In den allermeisten Fällen ist die Nutzung von sauberem Alt-Substrat aus der eigenen Kultur oder sterilen, kontrollierten Kaufpräparaten der sicherere und stressfreiere Weg für Mensch und Baum.

Die richtige Pflege für den Pilz: Was Du im Alltag unbedingt vermeiden musst

Die erfolgreiche Ansiedlung des unsichtbaren Netzwerks ist jedoch erst die halbe Miete. Damit das filigrane Mycel langfristig in der engen Bonsaischale überlebt, sich vermehrt und Deinen Baum über Jahre hinweg schützt, musst Du Deine tägliche Pflegekultur an die Bedürfnisse des Pilzes anpassen. Wir dürfen nie vergessen: Der Pilz ist ein eigenständiges, sensibles Lebewesen. Er reagiert extrem empfindlich auf radikale Veränderungen seines Lebensraumes.

Wenn Du die folgenden drei Kardinalfehler vermeidest, steht einer lebenslangen Symbiose nichts im Weg:

Das Problem mit den Fungiziden

Es versteht sich fast von selbst, aber chemische Pilzbekämpfungsmittel (Fungizide) sind der natürliche Erzfeind der Mykorrhiza. Wenn Dein Bonsai an den Nadeln oder Blättern unter einer Pilzerkrankung leidet – wie beispielsweise der gefürchteten Kiefernschütte oder dem echten Mehltau – kommt man um den Einsatz eines Pflanzenschutzmittels oft nicht herum. Wenn Du jedoch ein sogenanntes systemisches Fungizid spritzt, dringt der Wirkstoff tief in den gesamten Saftstrom des Baumes ein. Er transportiert sich somit auch nach unten in die Wurzeln und attackiert dort die nützliche Mykorrhiza.

Gieße Fungizide niemals, absolut niemals, rein präventiv oder „auf Verdacht“ in das Substrat. Damit vernichtest Du mit einem einzigen Gießdurchgang die wertvolle Lebensgrundlage Deines Baumes, die über Monate oder Jahre hinweg mühsam aufgebaut wurde. Wenn eine Spritzung der Nadeln notwendig ist, decke die Substratoberfläche der Schale während der Behandlung mit einer Plastikfolie ab, damit kein tropfendes Spritzwasser in die Erde gelangt.

Die Gefahr der mineralischen Überdosierung

Rein mineralische Kunstdünger (die typischen blauen oder flüssigen Universaldünger aus dem Gartencenter) bestehen im Wesentlichen aus leicht löslichen Nährsalzen. Wenn diese Dünger in zu hoher Konzentration oder zu häufig angewendet werden, steigt der Salzgehalt innerhalb des Bonsai-Substrats drastisch an. Für die hauchdünnen, ungeschützten Zellwände der Pilzhyphen ist dieses salzige Milieu purer Stress: Durch Osmose wird den Pilzfäden schlagartig das Wasser entzogen, sie schrumpfen in Sekundenschnelle zusammen und sterben ab.

Zudem bewirkt ein extremes Überangebot an frei verfügbaren, chemischen Nährstoffen einen psychologischen Effekt beim Baum: Er signalisiert seinen Wurzeln, dass Nahrung im Überfluss vorhanden ist und man keine fremde Hilfe mehr benötigt. Der Bonsai stellt daraufhin die kostspieligen Zuckerzahlungen an den Pilz ein. Der Pilz verhungert.

Nutze stattdessen in Deiner Bonsaikultur bevorzugt organische Festdünger. Diese organischen Pellets müssen auf der Substratoberfläche erst langsam durch die Aktivität von Feuchtigkeit, Wärme und nützlichen Bodenbakterien zersetzt und aufgeschlossen werden. Dieser langsame, natürliche Prozess liefert genau die richtige Dosis an Nahrung, fördert das gesamte Bodenleben und stärkt die Mykorrhiza, anstatt sie zu vernichten.

Das Ersticken durch Staunässe

Mykorrhiza-Pilze sind, genau wie die Wurzeln Deines Bonsais, strikt aerobe Organismen. Das bedeutet klipp und klar: Sie brauchen zwingend Sauerstoff zum Atmen. Wenn Du ein minderwertiges, zu feines Substrat verwendest oder den Baum aus übertriebener Sorge im Sommer dauerhaft klatschnass hältst, sammelt sich stehendes Wasser in der Schale. Die Luft wird vollständig aus den Poren verdrängt.

In einem solchen anaeroben Zustand erstickt die Baumwurzel innerhalb weniger Tage – und mit ihr das gesamte Mykorrhiza-Netzwerk. Sobald die nützlichen Pilze abgestorben sind, kippt das Milieu endgültig und der Weg ist frei für die gefürchteten Fäulnisbakterien. Eine grobkörnige, formstabile und perfekt durchlässige Substratmischung mit einem hohen Porenvolumen ist daher nicht nur für den Baum, sondern auch für seinen pilzlichen Partner die absolute Lebensversicherung.

Der Blick unter die Oberfläche verändert alles

Bonsai ist so viel mehr als das bloße Beschneiden von Ästen und das Biegen von Draht. Es ist die Kunst, die Gesetzmäßigkeiten der freien Natur im Kleinen tiefgreifend zu verstehen, zu respektieren und gestalterisch nachzubilden. Wenn wir als Bonsaifreunde innerlich akzeptieren, dass ein Baum in der Natur niemals als isoliertes, steriles objekt existiert, sondern immer eingebettet ist in eine lebendige Symbiose mit seiner direkten Umwelt, verändert sich unser täglicher Blick auf die Pflege fundamental.

Schau daher beim nächsten Umtopfen im Frühjahr ganz genau hin, wenn Du den Baum vorsichtig aus seiner Schale hebst. Freu Dich nicht nur über dicke Nebari-Ansätze, sondern halte gezielt Ausschau nach dem feinen, weißen Pilzflaum und genieße diesen tiefen, erdigen Waldgeruch. Er ist der ehrlichste und beste Beweis dafür, dass es Deinem Bonsai im Verborgenen an absolut nichts fehlt.

Wenn Du der Mykorrhiza in Deinen Schalen den nötigen Lebensraum, die richtige organische Nahrung und den Schutz vor chemischen Keulen gewährst, dankt es Dir Dein Bonsai auf der Oberseite mit einer Vitalität, die man sehen kann: mit tiefgründigen, glänzenden Nadeln, einem kraftvollen, gleichmäßigen Austrieb im Frühjahr und einer robusten, inneren Gesundheit, die auch extremen Wetterkapriolen oder kleinen Pflegefehlern im Alltag locker trotzt. Denn ein starker Baum beginnt immer mit einem gesunden, unsichtbaren Netzwerk im Boden.


Nachklapp: Alle Beiträge auf diesem Blog entstehen aus meinem eigenen Interesse an den jeweiligen Themen. Ich teile hier meine persönlichen Erkenntnisse und Erfahrungen, um dir hilfreiche Einblicke zu geben.

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