Othmar Auer – Ein Leben für Bonsai

Lesedauer 5 Minuten

Wenn in Europa über Bonsai auf höchstem Niveau gesprochen wird, fällt früher oder später ein Name: Othmar Auer.

Dabei geht es nicht nur um außergewöhnlich gestaltete Bäume oder beeindruckende Ausstellungen. Vielmehr steht sein Name für eine Haltung. Für Geduld. Für Respekt vor der Natur. Und für die Überzeugung, dass ein Bonsai niemals gegen den Baum entsteht, sondern immer gemeinsam mit ihm.

Vielleicht hast du schon einmal einen Baum gesehen und gedacht: Wie schafft es jemand, dass ein Bonsai so natürlich wirkt? Genau diese Frage begleitet Othmar Auer seit Jahrzehnten. Seine Antwort ist erstaunlich einfach: Die Natur gibt den Weg vor – der Mensch sollte lernen, genau hinzusehen.


Die Wurzeln liegen in Südtirol

Othmar Auer stammt aus Südtirol, einer Region im Norden Italiens, die durch ihre beeindruckende Berglandschaft, jahrhundertealten Wälder und die Nähe zu den Dolomiten geprägt ist. Genauer lebt und arbeitet er heute in Neustift bei Brixen (Vahrn), wo sich auch sein Bonsaizentrum befindet. (⁠Bonsai Auer)

Wer Südtirol kennt, versteht schnell, warum diese Landschaft einen Bonsaigestalter beeinflussen kann. Windgeformte Lärchen in den Bergen, knorrige Kiefern auf felsigen Hängen und uralte Laubbäume in den Tälern zeigen jeden Tag, wie Natur mit Zeit arbeitet.

Genau dieses natürliche Erscheinungsbild findet sich später in Auers Arbeiten wieder.

Interessant ist dabei: Sein beruflicher Weg begann keineswegs im Gartenbau.


Vom Autohandel zum Bonsai

Die Geschichte beginnt überraschend alltäglich.

Zur Geburt seines ersten Kindes wollte die Familie einen Baum pflanzen – als Symbol für neues Leben. Doch schnell stellte sich eine ganz praktische Frage: Was passiert, wenn die Familie irgendwann umzieht?

Ein großer Baum lässt sich schließlich nicht einfach mitnehmen.

Also entstand eine ungewöhnliche Idee.

Warum nicht einen kleinen Baum ziehen, der mobil bleibt?

Aus dieser Überlegung entstand der erste Bonsai. Was zunächst als praktischer Gedanke begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer lebenslangen Leidenschaft. (⁠Bonsai Auer)

Kennst du solche Momente?

Etwas beginnt ganz nebenbei – und Jahre später bestimmt genau diese Sache das ganze Leben.

Genau so verlief der Weg von Othmar Auer.


Lernen von den besten Lehrern Japans

Je intensiver er sich mit Bonsai beschäftigte, desto klarer wurde ihm, dass Bücher allein nicht ausreichen.

Deshalb reiste er regelmäßig nach Japan.

Dort lernte er unter anderem bei Meister Hideo Suzuki, einem angesehenen Bonsailehrer. Diese Jahre prägten nicht nur seine Technik, sondern vor allem seine Sichtweise auf Bonsai. (⁠Bonsai Clubs International)

In Japan geht es selten darum, möglichst spektakuläre Gestaltungen zu schaffen.

Viel wichtiger ist die Frage:

Wirkt der Baum glaubwürdig?

Genau diese Denkweise übernahm Auer.

Er lernte, eine ganze Landschaft in einer kleinen Schale sichtbar werden zu lassen. Nicht durch Effekte, sondern durch Zurückhaltung.

Diese Philosophie begleitet ihn bis heute.


Eine besondere Auszeichnung

Die intensive Ausbildung blieb nicht unbemerkt.

Othmar Auer wurde als erstes nicht-japanisches Mitglied in die japanische Bonsai-Künstlervereinigung (NBSK – Nippon Bonsai Sakka Kyookai) aufgenommen. Für einen europäischen Gestalter war das damals eine außergewöhnliche Anerkennung. (⁠Bonsai Clubs International)

Das zeigt vor allem eines:

Seine Arbeit überzeugte nicht nur in Europa, sondern auch dort, wo Bonsai seit Jahrhunderten zuhause ist.


Die Gründung von Bonsai in Brixen

Während Bonsai zunächst nur ein Hobby und später eine Nebentätigkeit war, entstand in dieser Zeit auch seine Firma „Bonsai in Brixen“.

Schließlich traf Othmar Auer eine mutige Entscheidung.

Er verließ seine Tätigkeit in der Automobilbranche vollständig und widmete sich ausschließlich Bonsai. Zusätzlich absolvierte er Ausbildungen zum Gärtner sowie zum Garten- und Landschaftsbauer. Dadurch verbindet er heute gestalterisches Wissen mit fundierter Pflanzenkenntnis. (⁠Bonsai Auer)

Ein solcher Schritt verlangt Mut.

Denn aus einer Leidenschaft einen Beruf zu machen bedeutet immer auch Verantwortung.


Sein Einfluss auf die europäische Bonsaiszene

Viele Bonsaifreunde kennen Othmar Auer nicht nur wegen seiner eigenen Bäume.

Sein größter Beitrag liegt wahrscheinlich darin, dass er Wissen weitergegeben hat.

Er gründete den europäischen Zweig der japanischen Bonsai-Künstlervereinigung und war dort zehn Jahre Präsident. Dadurch entstand eine wichtige Brücke zwischen der traditionellen japanischen Bonsaikunst und den wachsenden Bonsaiszenen Europas.

Gerade in den 1990er- und 2000er-Jahren entwickelte sich Bonsai in Europa enorm.

Immer mehr Ausstellungen entstanden.

Immer mehr Gestalter wagten anspruchsvollere Arbeiten.

Immer mehr Clubs suchten den Austausch.

Othmar Auer gehörte zu den Persönlichkeiten, die diese Entwicklung aktiv mitgestaltet haben.


Der Lehrer vieler Bonsaifreunde

Wer mit ehemaligen Kursteilnehmern spricht, hört oft ähnliche Aussagen.

Nicht einzelne Techniken bleiben besonders in Erinnerung.

Sondern seine Art, auf einen Baum zu schauen.

Er fordert dazu auf, zuerst die Pflanze zu verstehen.

Erst danach kommen Draht, Schere oder Zange.

Diese Herangehensweise hat zahlreiche Bonsaigestalter geprägt. Auch bekannte südtiroler Gestalter nennen ihn als wichtigen Lehrmeister ihrer Entwicklung. (⁠mybonsai.info)

Das zeigt, dass guter Unterricht weit mehr ist als das Vermitteln von Techniken.

Es geht darum, den Blick für die Natur zu schärfen.


Kusamono – Die leise Leidenschaft

Während viele Bonsaikünstler vor allem für imposante Kiefern oder Wacholder bekannt sind, entwickelte Othmar Auer eine besondere Leidenschaft für Kusamono.

Dabei handelt es sich um kunstvoll gestaltete Arrangements aus Gräsern, Farnen, Stauden und kleinen Begleitpflanzen.

Auf den ersten Blick wirken sie unscheinbar.

Beim zweiten Hinsehen erzählen sie ganze Landschaften.

Genau deshalb gelten viele Bonsaifreunde heute als überzeugt, dass Othmar Auer wesentlich dazu beigetragen hat, Kusamono in Europa bekannter zu machen. Internationale Veranstaltungen bezeichnen ihn sogar als europäischen Spezialisten auf diesem Gebiet. (⁠Bonsai Clubs International)

Vielleicht liegt gerade darin eine seiner größten Stärken.

Nicht immer den spektakulärsten Baum zeigen.

Sondern Schönheit dort entdecken, wo andere achtlos vorbeigehen.


Große Ausstellungen und internationale Veranstaltungen

Im Laufe der Jahre war Othmar Auer an zahlreichen bedeutenden Veranstaltungen beteiligt.

Unter anderem wirkte er als Kurator oder Organisator bei:

  • dem World Bonsai Congress 2001 in München,
  • der Akiten in Brixen,
  • der Sakkaten 2008,
  • zahlreichen internationalen Demonstrationen und Workshops in Europa sowie darüber hinaus.

Wer einmal eine Demonstration von ihm erlebt hat, bemerkt schnell den Unterschied.

Es geht nicht darum, möglichst schnell einen spektakulären Bonsai zu erschaffen.

Vielmehr entsteht Schritt für Schritt ein Dialog zwischen Mensch und Baum.


Seine Philosophie

Vielleicht lässt sich seine Sichtweise mit einem einzigen Gedanken zusammenfassen:

Nichts erzwingen.

Diesen Satz findet man immer wieder in seinen Aussagen.

Ein Bonsai entwickelt sich nicht, weil jemand besonders viel schneidet.

Er entwickelt sich, weil der Gestalter versteht, wann er eingreifen sollte – und wann eben nicht.

Das klingt einfach.

In der Praxis ist genau das die größte Herausforderung.

Wer kennt es nicht?

Der neue Wacholder treibt kräftig aus.

Die Schere liegt griffbereit.

Am liebsten würde sofort gestaltet werden.

Doch manchmal ist der beste Arbeitsschritt tatsächlich, einfach noch ein Jahr zu warten.

Geduld gehört eben genauso zum Bonsai wie Wasser und Sonne.


Was macht Othmar Auer heute?

Auch heute ist Othmar Auer weiterhin aktiv.

In seinem Bonsaizentrum in Neustift bei Brixen empfängt er Besucher nach Terminvereinbarung, gestaltet Bonsai für Kunden, bietet Workshops und Einzelunterricht an und verkauft ausgewählte Bonsai, Schalen sowie Zubehör. Ein besonderer Schwerpunkt bleibt weiterhin Kusamono.

Sein Wissen gibt er nach wie vor in Kursen weiter.

Viele Besucher schätzen dabei besonders die ruhige Atmosphäre.

Hier geht es nicht um Hektik.

Nicht um möglichst viele Bäume.

Sondern um Qualität.


Warum Othmar Auer bis heute eine wichtige Persönlichkeit ist

Die Bonsaiszene lebt von Menschen, die ihr Wissen weitergeben.

Von Menschen, die Brücken bauen.

Von Menschen, die zeigen, dass Bonsai weit mehr ist als Drahten und Schneiden.

Genau dafür steht Othmar Auer.

Sein Lebensweg beweist, dass Leidenschaft nicht vom Beruf abhängt.

Sie beginnt oft mit einer kleinen Idee.

In seinem Fall war es ein Samen zur Geburt seines ersten Kindes.

Aus diesem Samen entwickelte sich nicht nur ein Bonsai.

Es entstand ein Lebenswerk, das Generationen von Bonsaifreunden inspiriert hat – in Südtirol, in Deutschland, in ganz Europa und weit darüber hinaus.

Und vielleicht ist genau das die schönste Botschaft seiner Geschichte.

Große Bäume beginnen klein.

Nicht nur in der Natur.

Sondern auch im Leben.


Nachklapp: Alle Beiträge auf diesem Blog entstehen aus meinem eigenen Interesse an den jeweiligen Themen. Ich teile hier meine persönlichen Erkenntnisse und Erfahrungen, um dir hilfreiche Einblicke zu geben.

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