Austrieb ist das Öffnen der Knospen im Frühjahr, bei dem der Baum bereits fertig angelegte Strukturen mit Wasser streckt.
Stand: 2026-09-23
Was gemeint ist
Am Ende eines Zweiges sitzt meist eine zentrale dickere Knospe, daneben eine oder zwei kleinere seitliche; bei Laub- und Nadelbäumen ist das oft gleich gebaut. Den fleischigen inneren Teil umgeben Schuppenblätter, die vor Frost, Austrocknung und Fraßfeinden schützen. Im Inneren der dicken Knospe sind alle Strukturen fertig gebildet und werden durch Einleiten von Wasser aufgeblasen, sodass sich das Innere um ein Vielfaches ausdehnt.
Gesteuert wird das Öffnen über Ionenkonzentrationen und Wasserdruck, was unter anderem von der Tagesmitteltemperatur und der Luftfeuchte abhängt. Auf das Längenwachstum folgt das Dickenwachstum, und die neuen Triebe beginnen zu verholzen und färben sich allmählich von grün nach braun.
Der Trieb, der nach einem Knospen- oder Blattschnitt ein zweites Mal kommt, heißt Nibanme; normalerweise treiben die meisten Bäume nur einmal im Jahr aus. Seine Internodien bleiben kürzer als beim ersten Austrieb, und die Blätter werden kleiner und gleichmäßiger.
Nemurime bezeichnet eine Knospe, die schon vor dem Vorjahresherbst angelegt war und im Frühjahr trotzdem nicht austreibt; besonders häufig ist das bei Nadelgehölzen, an schlecht belichteten Stellen und an alten, teilweise geschwächten Ästen. Tot ist sie nicht, denn ein Reiz wie ein Rückschnitt oder ein Knospenschnitt bringt sie in Bewegung.
Wodurch ein Austrieb zu früh kommt
Einmal geöffnet lassen sich Knospen weder durch Senken des Wasserdrucks noch durch Ändern der Ionenkonzentrationen wieder schließen. Ein zu früher Austrieb lässt sich deshalb nicht zurücknehmen.
Wärme im Winter treibt die Knospen an. Genutzt wird das gezielt, wenn eine Japanische Aprikose (Ume) schon zu Neujahr blühen soll, dann kommt sie in einen Innenraum, der nicht zu warm wird, etwa den Hauseingang, und ihre Knospen werden übersprüht. Ein Bonsai, der im Winter ins geheizte Haus kommt, wird auf dieselbe Weise angetrieben, nur ungewollt.
Ebenso wirkt ein Winterquartier, das beheizt wird oder sich tagsüber aufheizt. Ein Baum, der dort gleichmäßig mild überwintert, verliert seine Frosthärte früher als einer, der draußen echten Frost erlebt.
Folgt auf den verfrühten Austrieb ein Kälteeinbruch, erfrieren die jungen Triebe, typische Spätfrostmonate sind April, Mai und bisweilen der Juni. Der Baum kann dann schlafende Augen im Holz aktivieren, die noch nach Jahrzehnten austriebfähig sind.
In der Praxis
- Oikomi heißt der Rückschnitt bis kurz hinter eine innen stehende Knospe, mit dem die nächste Knospe in Bewegung gebracht und aus ihr der Ast weitergebaut wird.
- Der größte Kniff ist, innen liegende Knospen vorrätig zu halten, damit ein solcher Rückschnitt jederzeit möglich bleibt.
- Shinshō ist der diesjährige Trieb, und an seiner Streckung lässt sich die Kraft des Baumes ablesen.
- Schuppenblätter sind Schutz und kein Abfall, sie fallen erst, wenn die Knospe sich streckt.
- Das Winterquartier bleibt unbeheizt und schützt vor kaltem Wind, Schnee, Reif und dem Zerspringen der Schale.
- Ideal ist ein Quartier mit Fenstern, damit es sich tagsüber leicht lüften lässt.
- Im Winter kommt der Bonsai nicht ins geheizte Haus, es sei denn, ein früher Austrieb oder eine frühe Blüte ist gewollt.
- Früh austreibende Arten wie die Chinesische Quitte werden nach dem Umtopfen im Februar unter ein Vordach gestellt und besonders vor Frost geschützt.
- Nach dem Herausholen im Vorfrühling bleibt das Spätfrostfenster bis in den Mai im Blick.
Häufige Verwechslung
Der zweite Austrieb nach einem Schnitt ist kein zweiter Jahreszyklus, denn die meisten Bäume treiben von sich aus nur einmal im Jahr aus, und der zweite Trieb entsteht erst durch den Eingriff.
Verwandte Begriffe
Quellen
- Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe, Abteilung Botanik, „Frühling: Austrieb der Knospen“, abgerufen am 2026-09-23
- 近代出版, 盆栽用語集, Einträge にばんめ【二番芽】, ねむりめ【眠り芽】, おいこみ【追い込み】 und しんしょう【新梢】, abgerufen am 2026-09-23
- 近代出版, 盆栽用語集, Einträge むろ【ムロ】 und かんれいしゃ【寒冷紗】, abgerufen am 2026-09-23
- Mura u. a., „Is It Cold Enough?“, Physiologia Plantarum 177 (2025), e70586, abgerufen am 2026-09-23
- Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, Merkblatt 31 „Spätfrostschäden – erkennen und vermeiden“, November 2022, abgerufen am 2026-09-23
- 近代出版, 今月の作業・管理レシピ, Dezember und März, abgerufen am 2026-09-25
